Online-Kommentare: Medien-Sites haben die Diskussions-Funktion nicht verstanden

Leserbeiträge und Online-Kommentare auf grossen Medien-Sites werden zur Zeit diskutiert, viele Häuser suchen nach neuen Lösungen. Die Ursache des Problems haben Journalisten und Medienfachleute schon treffsicher erkannt: Der Leser, die Leserin. Beziehungsweise der Troll, das Tier, der Pöbel, die Meute. So schön, so einfach, so frei von Selbstkritik.

Diese Sicht greift zu kurz und neue Lösungen finden sich mit dieser Problemanalyse nicht. Eine ganz wesentliche Ursache des Problems wird übersehen: Die Medienhäuser haben nie verstanden, was die Kommentarfunktion eigentlich ist. Stellen wir uns mal vor: 

Die Diskussionssendung Arena bei SRF wurde neu konzipiert: Zu Beginn wird nun ein kurzer Film zu dem Thema des Abends gezeigt. Danach werden die Zuschauer und Zuschauerinnen im Studio aufgefordert zu diskutieren.

Die Moderatoren ziehen sich in die Garderobe zurück. Derweil beginnt im Studio die Debatte. Da das Gespräch nicht angeleitet wird, redeten beim ersten Mal alle ziemlich rasch ziemlich durcheinander. Die Lautesten setzten sich durch, gegen Ende wurde geschrieen und gejohlt. Die Diskussion lief in alle möglichen Richtungen, es wurde in Kleingruppen debattiert, es entstand kein roter Faden und die Gespräche wurden immer hitziger. Zwei Stunden später gingen alle genervt nach Hause.

Das Publikum zu Hause vor dem Bildschirm teilte sich in zwei Gruppen: Die einen konnten dem Durcheinander wenig abgewinnen; die anderen sahen ein Medienprodukt, in dem man seinem Ärger Luft machen konnte.

Leute aus der zweiten Gruppe besorgten sich vermehrt Zuschauertickets und nahmen an den «Diskussionen» teil. Die Runden wurden aggressiver, die Beiträge polemischer und verkürzter. Die Fernsehanstalt sah sich nach drei Ausstrahlungen gezwungen, eigene Security-Leute in das Studio zu stellen. Sie sollten dafür sorgen, dass es nicht zu Prügeleien kam.

Das Moderationsteam betrachtete die Diskussionsrunde via Bildschirm. Und schüttelte den Kopf über die Trolle, den Pöbel und die Tiere. Aber das neue Format zog mehr Zuschauer und Zuschauerinnen an und die Werbeplätze liessen sich besser vermarkten.

Wie Debatten brauchen Online-Kommentare eine Leitung

Wie bei einer SRF Arena handelt es sich bei der Online-Kommentare um eine öffentlichen Debatte. Die Debatte zeichnet sich durch eine formale Vorgehensweise aus und wird in aller Regel von einem Moderator angeleitet. Viele Blogs handhaben das entsprechend: Es gibt Regeln, die kommuniziert werden, und jemand übernimmt die Moderation der Diskussion – meist der Verfasser des Beitrages, der das Thema der Debatte vorschlägt.

Die grossen Medien-Sites verfügen über entsprechende Regeln, die Rolle des Moderators wird aber nicht besetzt. Es gibt «Security-Leute», die Regelverstösse mittels Löschung ahnden. Man sieht: Es kann so gar nicht funktionieren. Derart sich selbst überlassen wird es für eine Gruppe sehr schwierig, eine für alle gewinnbringende Debattierkultur zu entwickeln.

Die Kommentarspalten der grossen Publikationen ziehen inzwischen auch das entsprechende Publikum an und haben sich zu Orten entwickelt, die man nur unter Beachtung gewisser Vorsichtsmassnahmen frequentieren sollte:

(Ganz wichtig: Diese Regeln gelten vornehmlich für die Kommentarbereiche von grossen Online-Publikationen. Viele kleinere Sites, Fachpublikationen oder Blogs kennen diese Probleme nicht. In der ganzen Diskussion sollte deshalb auch vermehrt zwischen «Online-Kommentaren» und «Online-Kommentaren bei grossen Medien-Sites» unterschieden werden.)

Wer nicht bezahlen will, muss fühlen

Am Ende heisst das: Damit Online-Kommentare nicht nur Nutzen in Form von mehr Klicks bringt, muss eine sinnvolle Moderation her. Die Idee der Süddeutschen Zeitung, die Debatten aktiv zu gestalten, geht in die richtige Richtung. Das bedeutet, dass die entsprechende Arbeit geleistet werden muss, dass Ressourcen dafür zur Verfügung stehen.

Medien-Sites, die diese Arbeit nicht leisten wollen oder können, müssen die Kommentarfunktion schliessen oder mit dem schlechten Image der Leserbeiträge leben – in der Regel geht es dann vor allem um die Klicks und Page Impressions, die auf dem Werbemarkt verkitscht werden. Kann man machen, bloss: There’s no such thing as a free lunch.

Jede Online-Redaktion hat die Diskussionskultur in den Kommentarspalten, die sie heranwachsen lassen hat.

 

Update 15.12.14, 21:00: Mat Yurow ist bei der New York Times für «Audience Development» verantwortlich und hat bei Medium einen spannenden Artikel zum Thema publiziert: Comments Aren’t Dead. They’re Just Broken.

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Artikelbild: Isaac Cruikshank, Debating Society (Substitute for Hair Powder). London: Published by Laurie & Whittle, May 5, 1795. Etching and engraving. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons

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