Snapchat für Unternehmen: Brauche ich das?

Snapchat wächst, Snapchat ist hip. Und tausende von Marketing- und Kommunikationsfachleute auf der ganzen Welt fragen sich: Muss ich mit meinem Unternehmen auf Snapchat?

Snapchat Marketing

Das Netz füllt sich langsam: Artikel zu Best Practices des Snapchat-Marketings, Erfolgsgeschichten internationaler B2C-Unternehmen, Anleitungen und die garantiert funktionierenden Tipps und Tricks. Wie üblich gesellen sich dazu Berichte über Snapchat-Stars und Künstler, die sich auf Snapchat ein Millionen-Publikum erschlossen haben. Die US-amerikanischen Kommunikationsspezialisten haben auch schon einen Fachausdruck für das Marketing auf Plattformen mit flüchtigen Inhalten geschaffen: «Ephemeral Marketing». Alles sehr bunt, alles sehr interessant, bloss für die eigene Entscheidung wenig hilfreich. Ich führe deshalb hier einige Punkte auf, die helfen sollen: Brauche ich Snapchat für mein Unternehmen?

Erste Wahl für Teenager

Zuerst die Zahlen. Heute verzeichnet der Dienst weltweit 200 Millionen aktive Nutzer; also Nutzer, die mindestens einmal pro Monat aktiv sind. Zahlen für die Schweiz sind nicht erhältlich, aber wir können schätzen: In Deutschland nutzen gemäss Wearesocial rund 3 Millionen Menschen die App, oder 4 Prozent der Internetnutzer. Nimmt man die gleiche Zahl für die Schweiz an, kommt man auf rund 300’000 Nutzer. Zum Vergleich: 3,55 Millionen Menschen in der Schweiz nutzen Facebook. Ebenfalls klar ist: Mehr als die Hälfte aller Nutzer ist unter 25 Jahren. Es dürfte zulässig sein, dass das auch für die Schweiz gilt.

Wenig Angaben über Aktivitäten auf Snapchat

Etwas diffus ist, wie aktiv die Nutzer sind. Eine Zahl, die im Internet herumgeistert, sind 6 Milliarden Video Views pro Tag. Sie stammt nicht vom Unternehmen selbst, und es ist unklar, was genau als Video View angesehen wird: Zählt es auch, wenn ein User sich eine Sekunde des Videos ansieht? Oder braucht es mehr? Nichtsdestotrotz, ich würde davon ausgehen, dass – wie in vielen Messenger-Apps – die regelmässigen Nutzer eine hohe Zahl an Aktivitäten aufweisen.

Was, wenn Snapchat Mainstream wird?

Wie diese Zahlen morgen aussehen, entzieht sich leider meiner Glaskugel. Ich kann aber die Entwicklung anderer Social-Media-Plattformen als Vergleich heranziehen. Hält Snapchats Wachstum an, dürften sich die Nutzerzahlen sprunghaft entwickeln. Dafür sorgt der Netzwerkeffekt, den wir auch bei WhatsApp sehen. Wird Snapchat zum Mainstream, wird sich die Altersstruktur der Nutzer ändern, ähnlich, wie wir das bei Facebook sehen. Die grösste Gruppe der Facebook-Nutzer ist inzwischen zwischen dreissig und fünfzig Jahren alt.

Demografie als Entscheidungskriterium

Ein Unternehmen findet auf Snapchat momentan also eine sehr junge Zielgruppe vor. Damit ergibt sich ein erstes Kriterium für die Entscheidung «Snapchat ja oder nein»: Unternehmen, die diese Altersgruppe ansprechen wollen, sollten sich damit auseinandersetzen. In der Schweiz ist diese Zielgruppe im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken allerdings noch relativ klein. Ein zweites Kriterium ist das herausragende Feature von Snapchat: Die Inhalte sind nur temporär verfügbar, für maximal 24 Stunden. Damit eignet sich Snapchat zum Beispiel für Gutschein-Aktionen. Die zeitliche Beschränkung kann hier zum Vorteil werden, wie wir das auch von zeitlich limitierten Offline-Aktionen im Abverkaufsbereich kennen.

Das Geld ist nach 24 Stunden weg

Snapchat ist schnell und direkt; ebenfalls ein Resultat der zeitlichen Beschränkung. Sehr zeitnahe Inhalte sind also im Vorteil. Wer über solche Inhalte verfügt, kann Snapchat als Kanal in Betracht ziehen; etwa für die Berichterstattung grosser Events. Das Verfalldatum hat allerdings auch eine Folge, die den budgetbewussten Content Producer ins Grübeln bringen könnte. Snapchat-Inhalte produziert man für eine Lebensdauer von 24 Stunden. Dann versickert das Produktionsbudget im digitalen Nirvana. Unter Umständen lassen sich die Inhalte oder Versionen davon auf anderen Plattformen, etwa YouTube, zweitverwerten. Allerdings bedingt das «kanalgerechte» Aufbereiten auch wieder Ressourcen.

@MarioTestino shooting the Burberry #SnapchatCampaign live now. Watch the entire campaign at 5pm London time

Ein von Burberry (@burberry) gepostetes Foto am

Ressourcen sinnvoll einsetzen

Überhaupt Ressourcen: Wer jetzt schon mit den Mitteln für die bestehende Social-Media-Präsenz auf Facebook oder Twitter ringt, sollte sich den Aufbau eines neuen Kanals gut überlegen. Zwar dürfen Snapchat-Inhalte «roh» und lebendig rüberkommen. Das heisst aber nicht, dass die Produktion weniger Ressourcen verschlingt: Konzeption, Umsetzung und Controlling verlangen nach einem guten Stück Arbeit. Dazu kommt die Distribution der Inhalte beziehungsweise das Anlocken von Gesprächspartnern auf Snapchat. Von selbst findet sich kaum jemand auf dem neuen Firmenauftritt ein. Es gilt, andere Kanäle zu nutzen, um für die neue Snapchat-Präsenz Werbung zu machen. Das kann mit Beiträgen auf Facebook oder Twitter sein, unter Umständen werden aber auch Paid-Media-Investitionen auf Snapchat selbst oder auf anderen Plattformen notwendig sein.

Ausprobieren und weiter beobachten

Zur Zeit finden wir auf Snapchat eine kleine, demografisch recht homogene Zielgruppe. Wer diesen Markt bearbeitet und über genügend Ressourcen verfügt, sollte sich Snapchat näher ansehen. Wer hingegen mit beschränkten Mitteln ausgestattet ist, konzentriert seine Bemühungen lieber auf die bestehenden Online-Präsenz. Für alle aber gilt: Es kann nicht schaden, sich die App herunterzuladen und für zwei Wochen auszuprobieren, und die Entwicklung weiter im Auge zu behalten.

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tl;dr

Schweizer Unternehmen, die sich eine Snapchat-Präsenz aufbauen wollen, müssen sehr gute Gründe haben. Und Geld.

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2 Gedanken zu „Snapchat für Unternehmen: Brauche ich das?“

  1. Dass die Inhalte nach 24 Stunden weg sind, wird wohl manchen „corporate“ Content-Planer abschrecken. Dabei kann man die Foto- und Videoproduktion in Snapchat starten (anders bringt man sie nicht rein) und dann von dort speichern, um sie in Instagram, Facebook, Twitter, Google+, Pinterest oder YouTube weiterzuverwerten.

    Dabei ist zu beachten, dass Videos in Snapchat im Hochformat besser ankommen und auf 10 Sekunden pro Szene beschränkt sind. Da Videos oft in 2-Sekunden Sequenzen geschnitten sind, reicht das bei weitem, um Video-Content zu erstellen. Das vertikale Videoformat wird von Apps wie Pinterest, Google+ und Facebook unterstützt. Bei YouTube wird auf dem Desktop links und rechts ein schwarzer Balken dargestellt, um das standardmässige Querformat abzubilden.

    Mit Google+ oder anderen Video-Apps lassen sich die Videoschnipsel aus Snapchat direkt auf dem Smartphone zu einem fertig geschnittenen und vertonten Video bearbeiten. Wie das geht, habe ich auf meinem Blog zusammengestellt (Link in meinem Namen). Als Beispielvideo habe ich ein Snapchat-Briefing mit @Frau_W verwendet… So lernt man grad noch etwas über Snapchat 😉

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