Der Verhaltenskodex für Blogger – und was es wirklich braucht

Heute war Blogger-Dialog in Zürich. Was, wie  ins Auge sticht, eine unnötige Veranstaltung ist, da Blogger zu dem schwatzhaften Teil der Bevölkerung gehören und kaum  eine extra Aufforderung zum Dialog benötigen. Nichtsdestotrotz – Auslöser für den Anlass waren epische Diskussionen rund um das Thema Blogger Relations und Unternehmen. Die Diskussion entstand aus nicht sonderlich aufregenden Umständen und kann hier nachgelesen werden.

Ein Resultat dieser Diskussion war ein Blogger Manifest, das Blogger ähnlich wie Journalistinnen und Journalisten einem Kodex unterstellen  und  zu einem sorgfältigen Umgang mit dem Thema Blogging / PR / Unternehmenskommunikation anregen will. Wieso kann das nicht funktionieren?

Wir haben heute die (tolle) Situation, dass jeder und jede in dieses Internet reinschreiben kann. Auf der ganzen Welt, zu jedem Thema. Publikationsplattformen gibt es ohne Ende: Blogs, Twitter, Facebook, Instagram, YouTube – you name it.

Die Leute nehmen dabei mehr oder weniger bewusst Botschaften von Unternehmen auf und verbreiten sie allenfalls weiter. PR-Abteilungen möchten sich das zu Nutze machen und dieses «Word of Mouth-Marketing» natürlich anregen und intensivieren. Das, so die Bedenken der Initianten des Manifests, sorgt für Verwirrung: Dem Kommunikationsempfänger wird durch mangelnde Transparenz Sturm im Kopf – es gilt, die Kommunikationsabsender mittels Code of Conduct zu bändigen.

Ein Code of Conduct oder Verhaltenskodex ist eine «Sammlung von Verhaltensweisen» (Wikipedia), die sich bestimmte Zielgruppen im Sinne einer freiwilligen Selbstkontrolle auferlegen. Allenfalls werden Kontrollorgane mit einem solchen Kodex eingeführt, die Sanktionen ergreifen können: Der deutsche Presserat kann öffentliche Rügen aussprechen, wenn gegen den Pressekodex verstossen wird. Typischerweise werden solche Codes of Conduct von Standes- oder Berufsorganisationen erarbeitet.

Vor diesem Hintergrund hat das Blogger Manifest zwei Probleme: Blogger sind bei weitem nicht die einflussreichsten Leute im Internet. Der Spitzenplatz wurde ihnen schon vor einiger Zeit von YouTubbern abgenommen. Ein Blogger Manifest müsste also – unabhängig vom Kanal – alle Leute umfassen, die ins Internet schreiben.

Womit wir beim zweiten Problem wären: Ein Verhaltenskodex, der für alle Leute gilt, die ins Internet schreiben, kann nicht funktionieren. Ein Verhaltenskodex muss sich an eine bestimmte Gruppe richten, die eine minimale Gemeinsamkeit aufweist (alle Journalisten, alle Banken, alle Pferdebesitzer, alle PR-Leute etc.). Diese Gruppe gibt sich diesen Kodex, um gemeinsame Ziele zu erreichen – den Ruf der Branche zu verbessern oder die Gesundheit von Tieren zu schützen. Eine solche Übereinstimmung ist bei der Gruppe «Leute, die ins Internet schreiben» nicht gegeben. Entsprechend könnte ein allgemein akzeptierter Kodex gar nie entstehen.

Wir haben es mit neuen Medien zu tun. Wir sollten nicht versuchen, diese neuen Medien mit alten Instrumenten zu bändigen. Wir müssen daran arbeiten, kompetent mit diesen Medien umzugehen, als Sender wie als Empfänger. Wir müssen es alle lernen. Weil es nicht einfacher werden wird; weil wir uns beibringen müssen, Informationen kritisch abzuklopfen und die Motivation des Absenders zu verstehen. Weil wir lernen müssen, unsere Wirkung als Kommunikationsabsender und deren Konsequenzen abschätzen zu können. Es führt kein Weg daran vorbei und es gibt keine Abkürzung via Kodex: Wenn wir diese neuen Medien zu unserem Wohl nutzen wollen, müssen wir sie verstehen und beherrschen. In diese Bemühungen sollten wir unsere Energie stecken.

2 Gedanken zu „Der Verhaltenskodex für Blogger – und was es wirklich braucht“

  1. Lieber Thomas
    Danke für diese Zusammenfassung aus Deiner Sicht.

    Ja es war interessant… aber wie Du bin auch ich der Meinung, vieles hängt von uns selber ab. Mein innerer Kompass …. was geht und was geht nicht.
    Natürlich kommt auch immer mehr der Wunsch nach Transparenz auf.

    Aber ein privater Blogger ist ein wenig in einer anderen Situation als ein Freelancer welcher seine Inhalte ‚verkauft‘ an Corporate Blogs.

    Auch Journalisten die Teilzeit bei einem Print Medium arbeiten und ansonsten als Freelancer arbeiten kennen die Problematik.

    Aber es war wirklich schön. Habe altbekannte und neue Menschen kennen gelernt. Merci an alle.

    Salue
    Urs

    1. Lieber Urs

      Danke für den Kommentar.

      Ich glaube, je konfuser die Verhältnisse werden, desto wichtiger wird die eigene Reputation als Orientierungsmarke für andere.

      Der Anteil des «geschenkten» institutionellen Vertrauens aufgrund des Berufes, des Arbeitgebers oder der Zugehörigkeit zu einer Standesorganisation nimmt tendenziell ab (wie Pfarrerinnen oder Lehrer schon schmerzlich erfahren haben).

      Das heisst, jeder und jede, die langfristig ernst genommen werden wollen, müssen sich um ihren Ruf kümmern und selbst die notwendige Transparenz herstellen – nur das schafft Vertrauen in die eigene Integrität.

      Hat mich gefreut, dich kennen zu lernen!

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